Musikunterricht in der Schule – Ausverkauf musikalischer Bildung

Sie nachstehende Veröffentlichung ist nicht die offizielle Darstellung des CVNB, sondern ein Diskussionsbeitrag.

Der KCV Harburg Winsen gab uns seinen Diskussionsbeitrag frei zur Veröffentlichung und als Anregung, im Sinne der Thematik zukunftsgerichtet zu handeln

 

Musikunterricht in der Schule Ausverkauf musikalischer Bildung?

Um den Musikunterricht an Grundschulen ist es deutschlandweit schlecht bestellt. Wer musikalische Bildung für sein Kind wünscht, muss Privatunterricht in Anspruch nehmen. Dabei ist Musik alles andere als Privatsache. Die Initiative Agenda 2030 hat sich der Verbesserung des schulischen Musikunterrichts verschrieben.

Von Torsten Möller

Dieses Wunschkonzert vieler Eltern wird während der schulischen Laufbahn ihrer Kinder immer weniger erfüllt und stößt im Unterricht an seine Grenzen: Die Lehrpläne sind überfüllt. Es fehlt die Zeit. Und fachfremd unterrichtende Musiklehrer sorgen bestenfalls für Schnupperkurse. Wohin steuert am Ende das, was als musikalische Bildung erwartet werden darf? Und wie sieht dort, wo das Fach Musik noch erteilt wird, der Unterricht aus?

Torsten Möller war auf der Suche nach Antworten deutschlandweit unterwegs. Er fragte nach bei Schülern, Musiklehrern und Kulturpolitikern. Kulturelle Erfahrungen und Kenntnisse in Form klassischer Musik scheinen nach wie vor als positiv belegtes Statussymbol wirksam zu sein. Was davon kulturelle Wirklichkeit ist, zeigt sich an der Basis, von der Grundschule bis zum Gymnasium.

„Musik findet zu wenig statt, vor allem in der Grundschule.“ Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates.

„Und ich finde, dass das in der viertreichsten Industrienation der Welt ein Skandal ist, dass wir uns so eine defizitäre Bildung erlauben. Es geht nicht darum, lauter kleine Mozarts heranzuzüchten, sondern es ist einfach die Grundüberzeugung, dass Musik ein ganz wesentlicher Bestandteil ist, mit dem jedes Kind zumindest in Berührung kommen soll. Wenn es sich für einen anderen Weg entscheidet und sagt: Ich mach lieber Sport oder dies oder jenes. Dann ist das vollkommen in Ordnung, um da nicht missverstanden zu werden. Aber ich muss doch zumindest erst mal diese musikalische Vielfalt, die wir haben, in Ansätzen auch versuchen, den Kindern nahe zu bringen.“

Christian Höppner unterstreicht seine Kritik mit Zahlen. Bis zu 80 Prozent des Musikunterrichts fällt an deutschen Grundschulen aus – sofern er überhaupt gegeben wird. Die Zahl 80 taucht auch woanders auf: Bis zu 80 Prozent der Lehrer unterrichten an unseren Grundschulen Musik fachfremd, das heißt, ohne ordentliches Wissen, ohne dass sie, in welcher Form auch immer, eine musikalische Ausbildung hatten.

„Und Musik fachfremd unterrichten, ist, glaube ich, fast schwerer als mit einem Bandscheiben-Vorfall Sport fachfremd zu unterrichten.“

„Zur Musik wirklich eine Beziehung haben“

Sagt Birgit Jeschonneck, Musiklehrerin an einer Kasseler Grundschule und Autorin von Musik-Lehrbüchern:

„Man muss zur Musik wirklich eine Beziehung haben, man muss eigene musikalische Erfahrungen haben, um das wirklich vermitteln zu können, um zum Beispiel bei einem musikalischen Gestaltungsprozess den Kindern im richtigen Moment den richtigen Impuls zu geben. Das kann ein fachfremder Lehrer nicht. Das ist eine hoch anspruchsvolle Aufgabe, wo ich in der Schule sitze und mir der Schweiß über den Rücken läuft, weil ich genau überlege, wo ist jetzt die kleine Sache, die Gewinn bringend ist, die wir ausbauen können?“

Offener Musikbegriff

Werner Rizzi vertritt einen offenen Musikbegriff – wie viele seiner Pädagogen-Kollegen. Es müssen keine Meisterwerke auf dem Lehrplan stehen, nicht unbedingt die großen Namen Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms oder Igor Stravinsky. Wichtiger als die Art der Musik ist laut Rizzi, dass Kinder möglichst frühzeitig, möglichst schon vor der Grundschule mit Musik in Berührung kommen – sei es in Form eines Konzertbesuchs, sei es in Form eines Experimentierens mit Instrumenten. Rizzi machte gute Erfahrungen mit Kita-Kindern, die er in Kinderkonzerte des Klavierfestivals Ruhr führt. Wenn jedoch nach der Kita in der Grundschule nichts mehr passiert, dann ist vieles schlicht verloren. Musik braucht Zeit, vor allem auch Kontinuität. Mit punktuellen Vermittlungsinitiativen der Konzerthäuser ist wenig gewonnen; der Virus „Projektitis“ grassiert, wo Schulen ihre Aufgaben delegieren an diverse Anbieter vom freien Musiker bis zur Musikschule.

Warum tut sich die Grundschule mit dem Fach Musik so schwer? Die Gründe sind vielfältig. Immer früher beginnen die Kinder mit Fremdsprachen. Neue Fächer wie „digitale Medien“ drängen in einen ohnehin schon dicht gedrängten Stundenplan, dazu kommt das an sich ja sinnvolle Klassenlehrer-Prinzip; ein Lehrer also, der die Kinder als verbindlicher Bezugspunkt in allen Fächern unterrichtet. Wer über das Thema Musikalische Bildung in der Schule nachdenkt, kommt sehr schnell vom einen zum anderen. Den Schuldigen an miserablen Zuständen gibt es nicht. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – eines, das auch zu tun hat mit der Frage von konkretem Sinn und Nutzen? Dass musikalische Bildung ihren Sinn in sich hat, dass sie zudem einen großen Beitrag leistet zum Kennenlernen des Eigenen – all das klingt in vielen Eltern- und Politikerköpfen kaum nach einem hinreichenden Grund für mehr Musik.

Politiker Norbert Lammert engagiert sich für kulturelle Bildungspolitik

Christian Höppner bringt den Namen Norbert Lammert in Spiel. Der demnächst aus dem Amt scheidende Präsident des deutschen Bundestages ist einer der wenigen Politiker, die sich noch für eine kulturelle Bildungspolitik stark machen. Aber es scheint, dass Politiker ansonsten wieder einmal nur Zahlen verstehen – und mit Zahlen können Musikpädagogen schlecht dienen. Selbst die scheinbar einfache Frage, wie viel Musikunterricht tatsächlich noch stattfindet, ist durch die relative Autonomie der Schulen, kaum zu beantworten. – Es sind nur kleine Schritte, die zu langsamen Besserungen führen können. Neben der unmittelbaren Arbeit an deutschen Schulen macht sich Ortwin Nimczik und der BMU stark für eine angemessen Ausbildung von Grundschul-Lehrern. Es gibt zu wenige. Selbst wenn Schulen eine freie Stelle mit einem Musiklehrer besetzen wollten, fällt die Suche gar nicht leicht:

„Ich will, bezogen auf das Grundschul-Lehramt, jetzt mal sagen: Da gibt es auch Eignungsprüfungen, die viele abschrecken, weil sie so etwas sind wie eine herunter gedimmte Gymnasiallehrer-Prüfung. Und das muss sich aus Sicht unseres Verbandes ändern. Wir brauchen andere Eignungsprüfungen für Grundschullehrer im Fach Musik, die die Musikalität, die die Singfähigkeit, die die rhythmischen Grundkompetenzen prüfen, die nicht unbedingt das Spiel von zwei- oder dreistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach als entscheidendes Kriterium für die Eignung als Musiklehrer im Grundschulbereich anwenden. Von absurden Anforderungen im Bereich der Musiktheorie möchte ich jetzt an dieser Stelle gar nicht sprechen.“

Sonnige Grüße

 

Hier die Mail an unsere Chöre/Chorleiter:

Liebe ChorfreundeInnen,

 

im Deutschlandfunk gab es vor kurzem eine Diskussion über die Vernachlässigung des Musikunterrichts in den Grundschulen. Das Thema kennen wir alle, und es ist eine Binsenweisheit, dass schon ​vorher​, also im Elternhaus und/oder in den Kind​er​gärten Musik an die Kleinen herangebracht werden muss. Deshalb haben wir ja diese Lücke im Chorverband versucht zu schließen, was natürlich nicht flächendeckend gelingt. Eigentlich ist dies ja auch die Aufgabe des Kulturministeriums. In vielen Bundesländern findet leider keine Musiklehre für Erzieher statt. Daher

​die​ Angebote ​vom DCV​ (früher Felix), jetzt „CARUSOS“ und neuerdings vom CVNB „KITAMUSICA“.

Hier nun ein paar Auszüge über dieses Thema im Deutschlandfunk:

Ausverkauf musikalischer Bildung?

Der Musikunterricht an Grundschulen stand im Zentrum der gestrigen Sendung „Musikszene“ im Deutschlandfunk. Wie entwickelt sich die Musikalische Bildung in Deutschland? Wie sieht der Musikunterricht an den Schulen aus, wo das Fach Musik überhaupt noch unterrichtet wird? Der Kulturredakteur Torsten Möller war bundesweit unterwegs und ging diesen Fragen nach. Dabei sprach er u.a. mit Prof. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates. Die Sendung kann hier nachgelesen werden.

 

Beitrag eines Chorleiters:

in  … aber auch in der Grundschule …  – sieht es dagegen richtig gut aus mit Musikunterricht, jeder Schuljahresabschnitt wird mit einem kompletten einstündigen Musik- und Showprogrogramm beendet – am Freitag gibt es wieder das Frühlingssingen.

Unsere Elstorfer Spatzen sind nur ein Programmteil eines reichhaltigen Programms, und das, weil viele Kolleginnen richtig gut ausgebildet sind.

Aber…………aber……….unsere überwiegend Kolleginnen engagieren sich zur Zeit weit über ihre Aufgaben hinaus, sie sind momentan noch über die Maßen jung – wollen noch etwas bewegen, bis es irgendwann nicht mehr geht. Die Überlastung der Kollegen führt dazu, dass die Jungen und Starken etwas tun – etwas richtig Tolles tun, alle anderen würden das auch, aber bei denen geht es gesundheitlich nicht mehr – und das sind viele.

1)Musikunterricht braucht, Vertrauen, Ruhe und viel Herz – der Kollege wird´s schon richtig machen. Die Gegner dieser Notwendigkeiten heißen Verwaltungsvorschriften, Dokumentationspflicht, Transparenzerlass, Curriculum,protokollierte Evalutationen, bis hin zum Zentralabitur – natürlich große Klassen und ständige außerplanmäßige Vertretungen, Arbeiten und Konferenzen (die Schule soll ja auch noch verlässlich sein) – also. die eigenverantwortliche Schule.

2)Mittlerweile haben sich die Lehrergehälter in den unteren Regionen eingependelt, die gewerbliche Industrie hat den öffentlich Dienst längst überholt. die Lebenshaltungskosten steigen- gerade die Mieten verdopplen sich gegenüber 1990. Folglich haben wir auch ein Bewerber – Problem, – den charismatischen Grundschullehrer mit Gitarre, der im Schulhof auch noch mit seinen Schülern Fußball spielt, gibts nicht mehr. Viele seiner Kolleginnen flüchten immer längere Zeit in die Familie, sind dann noch Teilzeit verfügbar.

Die derzeitige Tendenz der SPD – „Einheitslehrer“ zeigt, dass die jetzige Katastrophe erst der Anfang ist.

3)Es sind zu wenig Kollegen an der Schule – wenigstens für die geforderten Arbeiten  (die könnte man auf ein vernünftiges Maß reduzieren), also etwas viel Last auf weniger Schultern, die mit zunehmendem Alter schwächer werden – und doch bis 67 durchhalten sollten.

– Norbert Lammert – bei allen Verdiensten –  ist kein bildungpolitischer Entscheider.

– Politik versteht auch nichts von Zahlen (unsere Verwaltungspaläste in den Landeshauptstätten, in Berlin, Brüssel und Straßburg sprechen Bände)

Manfred Birk​