Schwarz, schwärzer, traurig

 

Wenn eine unwissende Besucherin in der Woche vom 20. bis 27. Mai nach Kiel gekommen wäre, hätte sie den Eindruck haben können dass über Kiel eine Epidemie hinweg gesaust wäre und es ganz viele Beerdigungen gäbe – sah man doch in Kieler Gaststätten und Mensen jede Menge, auch gerade junge Leute, in schwarzer Kleidung. Und Schwarz ist nun mal eine Farbe der Trauer der westlichen Welt und ganz besonders die Farbe der Witwenkleidung in Südeuropa.

Aber Gott sei Dank gab es keine Epidemie in Kiel, sondern einen Auftrieb von ca. 4.000 Chorsängerinnen und Sängern. Und die tragen zu Auftritten häufig schwarz. Wenn man den Wettbewerben folgte, konnte man wirklich trübsinnig werden – ein schwarzer Chor nach dem anderen. Das schlug auf die Dauer aufs Gemüt. Manche hatten das Schwarz etwas abgemildert durch einen (vorwiegend) roten Schal. Aber da kam die Betrachterin erst recht ins Grübeln: Rot – Schwarz sind die Farben der Anarchisten – was wollte uns der jeweilige Chor denn nun damit sagen? Die Zuschauerin erhoffte sich etwas mehr Farbe bei den Popchören und manche waren auch bunter, aber auch hier fing Schwarz an, die Farben zu verdrängen! Woher kommt die Begeisterung für Schwarz?

Die Puritaner brachten Schwarz als Kleidungsfarbe in die Welt und da war es auch Ausdruck ihrer Gesinnung – sie verachteten den bunten Tand des Adels und der alten Religion. Alles was von der echten Religion ablenkte war verboten – auch Spiel und Musik. Es durfte nur gearbeitet werden und die „Schwarzhütten“ Oliver Cromwells waren verhasst wegen der Verfolgung Andersdenkender.

Und diese Farbe soll jetzt für was Schönes wie Musikmachen eingesetzt werden? Ich habe noch nie verstanden, warum Kirchenchöre Schwarz tragen – sollten sie nicht zum Lob Gottes singen? Und ist Gottes Welt nicht farbig? Jeder schaut begeistert zum Himmel, wenn es einen Regenbogen zu sehen gibt. Man stelle sich vor, dieser bunte in allen Farben leuchtende Bogen wäre von tiefstem Schwarz – wie gruselig! Also ich würde es als ein schlechtes Zeichen ansehen und mich verkriechen.

Aber im Ernst, liebe Chorschwestern und -brüder: Bringt Farbe in euer Outfit. Macht eure Kleidung so fröhlich wie euren Gesang! Lasst das Publikum schon durch euren Auftritt merken, dass Singen Freude macht!

Der Artikel wurde erstmals 2006 in „Neue Chorzeit“ veröffentlicht.

Brigitte Lück +, Bremen.