Was ist gut für die Singstimme?

12.03.2017, den Beitrag sandte uns Winfried Aubreville, KCV Emsland Grafschaft-Bentheim:

 

Schal, Schweigen, Schokolade: Musikermediziner über die beste Vorbereitung vor Proben oder Konzert
Von Elke Schröder

Milch oder Co­la trin­ken vor ei­ner Ge­sangs­pro­be oder ei­nem Kon­zert­auf­tritt? Stimm­ärz­te ra­ten da­von eher ab. Je­doch gibt es selbst un­ter Pro­fi­sän­gern Aus­nah­men, sagt Pro­fes­sor Bern­hard Rich­ter, Lei­ter des Frei­bur­ger In­sti­tuts für Mu­sik­er­me­di­zin, im In­ter­view.

Ist es rich­tig, dass Scho­ko­la­de oder an­de­re Milch­pro­duk­te für Sän­ger vor den Ge­sangs­pro­ben oder ei­nem Kon­zert­auf­tritt ta­bu sind, weil sie die Stim­me be­le­gen, rau klin­gen las­sen oder zum Hus­ten an­re­gen kön­nen?

Das stimmt und stimmt nicht. Grund­sätz­lich kön­nen be­stimm­te Le­bens­mit­tel, wie bei­spiels­wei­se die Scho­ko­la­de, ei­nes­teils mehr zu ei­ner Ver­schlei­mung im Hals­be­reich füh­ren, an­der­ent­eils zu ei­ner über­mä­ßi­gen Ma­gen­säu­re­pro­duk­ti­on an­re­gen, die sau­res Auf­sto­ßen zur Fol­ge hat. Bei­des ist für die Stim­me nicht gut. Es gibt aber kei­ne Re­gel oh­ne Aus­nah­me: Es gibt durch­aus pro­fes­sio­nel­le Sän­ger, die vor dem Auf­tritt ein Glas Milch oder ein Glas Co­la oder Ähn­li­ches trin­ken. Al­so al­les, was man nor­mal­er­wei­se als Stimm­arzt gar nicht emp­feh­len wür­de.

Was ra­ten Sie al­so?

Man soll­te vor dem Sin­gen nichts zu sich neh­men, des­sen Wir­kung man nicht kennt. Das heißt, wenn man mit be­stimm­ten Flüs­sig­kei­ten oder Nah­rungs­mit­teln gu­te Er­fah­run­gen ge­macht hat und weiß, dass sie ei­nem gut­tun, dann kann man sie durch­aus zu sich neh­men. Na­tür­lich kann ich als Stimm­arzt nicht sa­gen: „Es­sen Sie vor­her bit­te Scho­ko­la­de, und trin­ken Sie Milch.“ Denn in den meis­ten Fäl­len wird das nicht funk­tio­nie­ren, aber im in­di­vi­du­el­len Fall kann das pas­sie­ren – und es gibt nichts, was ver­bo­ten ist.

Trifft das auch für Al­ko­hol und Zi­ga­ret­ten zu?

Die al­ler­meis­ten Sän­ger mei­den Al­ko­hol vor dem Auf­tritt. Wir wis­sen aber von Opern­sän­ger En­ri­co Ca­ru­so, dass er durch­aus nicht viel, aber re­gel­mä­ßig Al­ko­hol vor dem Auf­tritt ge­trun­ken hat. Von Diet­rich Fi­scher-Dies­kau war be­kannt, dass er so­gar wäh­rend des Auf­tritts, so­fern es das Pro­gramm zu­ließ, die Büh­ne ver­ließ und rauch­te. Je­der Sän­ger wür­de da die Hän­de über den Kopf schla­gen und je­der Stimm­arzt sa­gen: „Das ist das Schlimm­ste, was man tun kann.“ Es geht aber im­mer da­rum, was dem Sän­ger in­di­vi­du­ell ei­ne Sta­bi­li­tät im psy­chi­schen und phy­sio­lo­gi­schen Sek­tor ver­leiht, die ihn da­bei un­ter­stützt, sei­ne Leis­tung op­ti­mal ab­zu­ru­fen.

Sän­ger, die vor dem Kon­zert zu Scho­ko­la­de grei­fen, um ei­nen En­er­gie­schub zu be­kom­men, spü­len die­se Mund und Ra­chen mit Was­ser nach?

Nicht un­be­dingt, denn sie ver­spre­chen sich da­von et­was Be­kann­tes, dass ir­gend­was pas­siert, das ih­nen an­ge­nehm ist. Das ist auch das Ge­heim­nis ei­nes Ta­lis­mans: Wenn je­mand ein Ri­tu­al hat, dann be­ru­higt ihn das. Es kann sehr ver­schie­den und manch­mal pa­ra­dox sein, was Men­schen als Ri­tu­al gut fin­den – trotz­dem kann das funk­tio­nie­ren.

Was tut der Sings­tim­me all­ge­mein vor dem Auf­tritt gut? Kräu­ter­bon­bons?

Kräu­ter­bon­bons sol­len da­zu füh­ren, dass die Be­feuch­tung im Mund- und Ra­chen­raum bes­ser ist, in­dem der Spei­chel­fluss an­ge­regt wird. Wenn ich aber zu we­nig trin­ke, noch da­zu auf­ge­regt bin, nützt das be­ste Kräu­ter­bon­bon nichts. Al­so: Wich­ti­ger als Kräu­ter­bon­bons ist die aus­rei­chen­de Trink­men­ge, bei­spiels­wei­se ein bis zwei Was­ser­glä­ser vor Pro­ben oder Auf­trit­ten und in den Pau­sen.

Hilft es, die Stim­me zu scho­nen und am Tag des Kon­zerts zu schwei­gen?

Es gibt man­che Sän­ger, haupt­säch­lich im klas­si­schen Sek­tor, für die die Stimm­pro­duk­ti­on im Be­reich des Sin­gens re­la­tiv gut funk­tio­niert, aber beim Spre­chen nicht so gut. De­ren Sprech­stim­me ist deut­lich schlech­ter als die Sings­tim­me, was sie beim Spre­chen eher er­mü­det. Be­kann­tes­tes Bei­spiel ist Chris­ta Lud­wig, die da­rü­ber in ih­rer Au­to­bio­gra­fie ge­schrie­ben hat. Sie kom­mu­ni­zier­te ta­ge­lang vor ih­ren Kon­zer­ten nur noch mit Zet­teln mit ih­rer Fa­mi­lie. Sie hat­te re­la­tiv stark re­zi­di­vie­ren­de Kehl­kopf­pro­ble­me, ins­be­son­de­re mit Blu­tun­gen auf den Stimm­lip­pen. Das heißt, sie hat­te na­tür­lich auch im­mer Angst da­vor. Das ist der psy­cho­lo­gi­sche Fak­tor, denn wenn ich mehr­fach et­was ge­habt ha­be, ver­su­che ich al­les zu ver­mei­den, was even­tu­ell wie­der ein­tre­ten könn­te.

Wie sieht es mit dem Tra­gen ei­nes Schals um den Hals aus?

Na­tür­lich ist es so, dass sich Sän­ger vor Er­käl­tungs­krank­hei­ten schüt­zen soll­ten. Wenn es drau­ßen kalt ist und win­det, ist der Schal im­mer ei­ne gu­te An­ge­le­gen­heit. Aber im Hoch­som­mer ei­nen Sei­den­schal zu tra­gen ist dann eher ri­tua­li­siert. Das muss man ge­nau un­ter­schei­den.

Wie wird die Stim­me nach wo­chen­lan­ger Hei­ser­keit wie­der fit?

Hei­ser­keit ist kei­ne Krank­heit, son­dern ein Sym­ptom. Es kann sehr vie­le Ur­sa­chen ha­ben, bei­spiels­wei­se Über­la­stung – und dann soll­te man die Über­la­stung stop­pen. Nach ei­ner nor­ma­len Be­la­stung, bei­spiels­wei­se ein durch­ge­fei­er­tes Wo­che­nen­de mit ent­spre­chen­den al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ken, lau­ter Mu­sik und Ge­brüll – oder auch ein Chor­wo­che­nen­de –, er­holt sich die Stim­me meist von al­lei­ne in­ner­halb von drei bis vier Ta­gen. Wenn die Hei­ser­keit län­ger als zwei bis drei Wo­chen auf un­ge­klär­te Wei­se an­hält, dann muss man auf je­den Fall ei­nen Arzt auf­su­chen – un­ab­hän­gig von der Ur­sa­che.

Wenn ein Lai­en­sän­ger nach ei­nem Chor­wo­che­nen­de hei­ser ist, was hat er falsch ge­macht?

Dann hat er sich meis­tens nicht gut ge­nug vor­be­rei­tet. Beim Chor­sin­gen hört man sich auch nicht so gut, wie al­lein im stil­len Käm­mer­lein. Das heißt, dass man sich um­schau­en soll­te, ob man sei­ne Stim­me nicht bes­ser schult, Ge­sangs­un­ter­richt nimmt oder sich auf die Si­tua­ti­on bes­ser ein­stellt, bei­spiels­wei­se durch Stimm­bil­dung oder Ge­sangs­un­ter­richt. Häu­fig ist es so, dass Lai­en­sän­ger, die sonst we­nig sin­gen, an ei­nem Chor­wo­che­nen­de es in er­ster Li­nie mit ei­ner hö­he­ren zeit­li­chen An­for­de­rung zu tun ha­ben, gar nicht mit Lauts­tär­ke. Es hilft ei­ne klu­ge Pro­ben­pla­nung mit Pau­sen vom Chor­lei­ter. Pro­fes­sio­nel­le Sän­ger kön­nen meh­re­re Stun­den am Tag sin­gen und pro­ben. Grund­sätz­lich ist der Mensch als Spe­zi­es in der La­ge, stun­den­lang zu spre­chen und zu sin­gen, oh­ne hei­ser zu wer­den. Das kön­nen klei­ne Kin­der ja auch: Ein Säug­ling kann drei Stun­den am Tag schrei­en und wird nicht hei­ser. Der Mensch ist al­so da­zu in der La­ge, je­doch ist es ei­ne Fra­ge des Trai­nings.

Bern­hard Rich­ter, Jahr­gang 1962, ist Pro­fes­sor für Mu­sik­er­me­di­zin, HNO-Arzt und Pho­nia­ter (Stimm­arzt). Da­rü­ber hin­aus ist er ausge­bil­de­ter Sän­ger und Au­tor des Buchs „Die Stim­me“ (Hen­schel Ver­lag, 2014).