Gebt uns Chorleiter! Chorleitermangel, was tun?

 

Gebt uns Chorleiter!

Es gibt sicherlich kaum einen Chor bzw. kaum einen Chorvorstand, der das Problem der Chorleitersuche nicht kennt.

Schauen wir uns die Konstellation einmal etwas genauer an:

– ein nicht unbeträchtlicher Teil der Chöre ist überaltert; deren Chorleiter sind mitgealtert und würden ihre Chorleitertätigkeit gerne einstellen,

– es ist für Chöre – insbesondere für die Vorstände – schwer, einen geeigneten Nachfolger zu finden,

– es ist nicht bekannt, welche Person im näheren Umfeld einen Chor leiten könnte/würde,

– es herrscht großer Mangel an ausgebildeten Chorleitern, dagegen gibt es vermehrt Dirigenten, die mehr als einen Chor leiten,

– der Chorleiter stammt zunehmend nicht mehr aus dem eigenen Ort: im günstigsten Fall wohnt er im Nachbarort, häufiger aber hat er einen längeren Anfahrtsweg,

– Chöre empfinden ihre Finanzausstattung als so gering, dass es ihnen schwerfällt, dem Chorleiter ein angemessenes Honorar zu sichern – auch unter Erstattung der Fahrtkosten, der Extraproben etc.,

– es besteht eine Diskrepanz zwischen der zunehmend melodisch-rhythmisch komplexen Chorliteratur, die ein Chor singen und vortragen möchte, und der Leistungsfähigkeit des Chores bzw. des Dirigenten, um eine Aufführung dieser Stücke angemessen zu bewältigen,

– an der Chorleitung Grundinteressierte bringen keine höhere musikalische Grundqualifikation als früher mit – andererseits sind die musikalischen Anforderungen, die an einen Chorleiter gestellt werden, heutzutage ambitionierter,

– angesichts des vermeintlichen Rückgang des Singens in der Gesellschaft, zunehmender Konkurrenz durch weitere Freizeitaktivitäten sowie stärkerer beruflicher Beanspruchung wird es in Zukunft vermutlich noch weniger an der Chorleitung interessierte Menschen geben.

 

Summiert man die stichhaltigen Argumente, hilft es nicht, allein zu fordern: Gebt uns Chorleiter!

 

Ein jeder Chor ist gut beraten, sich zeitig und ohne Druck mit der Chorleitersituation zu befassen – der aktuelle Chorleiter sollte sich durch das weitsichtige Denken seines Chores eher entlastet als belastet fühlen.

Zu empfehlen ist es, aus dem Chor heraus einen versierten Sänger zum stellvertretenden Chorleiter zu ernennen, ihn mit der (finanziellen) Unterstützung des Chores ausbilden zu lassen und gibt ihm regelmäßig Gelegenheit zu geben, seinen Chor zu dirigieren. Hier liegen die Chancen in der Langfristigkeit sowie der Ortsansässigkeit des Chormitgliedes.

 

Zu empfehlen ist es aber auch, im Ort selbst Ausschau zu halten, die Fühler in vielerlei Hinsicht auszustrecken und unverbindliche Gespräche zu führen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich über die Mund-zu-Mund-Propaganda und das direkte Gespräch am ehesten Chancen eröffnen.

 

Zur Suche nach einem neuen Chorleiter:

Es ist schwer, eine konkrete Lösung anzubieten, zumal jeder Chor ein individuelles Profil entwickelt hat und somit eigene Anforderungen an einen Nachfolger stellt bzw. einem neuen Chorleiter unterschiedliche Möglichkeiten bieten kann. Wichtig wäre es, intern abzustimmen, inwieweit der Chor einem zukünftigen Chorleiter entgegenkommen kann.

Wenn ich aus meiner Chorleiterentwicklung berichten darf, „lösten sich Knoten“, weil ein Chor nach vielen Jahren seinen angestammten Probentag aufgab, weil – zu Studentenzeiten – ein Chor mir zusagen konnte, mich abzuholen und nach Hause zurückzubringen, oder weil ein kleiner Chor nicht mit übersteigertem Leistungswillen, sondern mit angenehmer Atmosphäre überzeugen konnte. Mein Studienkollege brauchte dagegen einen Oratorienchor, um sich musikalisch verwirklichen zu können. Es sind also nicht immer “musikalische” Dinge ausschlaggebend… .

 

Was können Sie zusätzlich konkret tun?

  1. Verfassen Sie ein Anschreiben an

– Kreismusikschulen – Lehrkräfte übernehmen in letzter Zeit vermehrt Chorleitungstätigkeiten,

– allgemeinbildende Schulen im Nahraum – mit der Bitte um Weiterleitung an die Lehrkräfte, die Musik erteilen oder die musikaktiv sind,

– Kirchenmusiker der umgebenden kirchlichen Gemeinden.

 

  1. Schreiben Sie den Kreischorverband sowie den Chorverband Niedersachsen-Bremen an und bitten um eine Veröffentlichung in der Chorleiterbörse. Dazu sollten Sie Ihren Chor prägnant vorstellen, vielleicht auch eine kurze Erwartung an einen zukünftigen Chorleiter formulieren.

 

  1. Entwerfen Sie einen Aushang für

Kirchen, Gemeinden, (Musik-)Schulen, Verbrauchermärkte, den Fachbereich Musik an Universitäten (wenn der Chor nahe einer Universitätsstadt liegt).

 

  1. Alle zwei Jahre öffnet sich ein weiteres Fenster (jetzt, im Sommer 2018, steht es offen):

Der KCV Bremen ist Veranstalter einer zweijährigen Chorleiterausbildung (C2-Niveau) und führt Abschlussprüfungen durch– vielleicht hat ein Absolvent eines Lehrganges als Chorleiter-Neuling Interesse an der Übernahme eines Chores?

 

  1. Um das eigene Netzwerk des Chores zu nutzen:

– Vielleicht hilft der aktuelle Chorleiter bei der Suche eines Nachfolgers?

– Vielleicht trauen sich musikalisch grundausgebildete Tochter oder Sohn eines Chormitgliedes an die Leitung des Chores?

– Vielleicht übernimmt ein Chorleiter eines benachbarten Chores (zumindest zeitweise) die Probentätigkeit? (Hier funktioniert ortsübergreifend vielleicht auch die Tochter-Sohn-Lösung?)

– Vielleicht führt der Chorleitermangel zur perspektivischen Fusion zweier Klein-Ensembles – z.B. mit Proben an wechselnden Standorten?

 

Eine andere perspektivische Wahrheit zum Schluss – die Bezahlung:

Die Vielzahl der Probleme bei der Chorleitersuche und die Vielzahl der Ansätze, mögliche Chorleiter anzusprechen, zeigt, wie ernst und komplex das Thema Chorleitersuche ist. Zudem bedeutet die Entscheidung eines Chorleiters, längerfristig einen Chor zu übernehmen, meist den Verzicht auf einen größeren Teil seiner Freizeit, was sich bei weitem nicht nur auf die reine Probendauer bezieht.

 

Stellen wir uns als Chor darauf ein, dass die Bezahlung der Chorleiter zum Teil deutlich attraktiver gestaltet werden muss. Bei der Höhe des Honorars spielen sicherlich die Qualifikation und die Erfahrung des Chorleiters eine Rolle, genauso wie die Leistungsfähigkeit des Chores.

Verdeutlichen wir uns als Chor, dass Freizeitgestaltung heutzutage einfach Geld kostet und nicht mehr für ein oder zwei Euro zu haben ist. Selbst der Kaffee im Café kostet meist mehr und bringt nicht so viel Lebenskraft wie die abendliche Chorprobe. Nehmen wir wahr, dass zur Finanzierung des Vereins die Mitgliedsbeiträge erhöht, das Finanzpolster des Chores angetastet oder zusätzliche Finanzierungskonzepte erschlossen werden müssten.

 

Nachtrag:

Für den Chorverband und insbesondere für den Landesmusikrat (als Organisation, die die weiterführende Chorleiter-C-Ausbildung verantwortet,) muss die langfristige Sicherung der qualifizierten Chorleiterlehrgänge oberste Priorität besitzen. Dazu gehören nicht nur regelmäßige und verlässliche Ausbildungsangebote, sondern auch seinerseits die sichere Finanzierung für die Dozenten. Der Landesmusikrat dürfte hier sicherlich Synergieeffekte nutzen, die sich aus der Zusammenarbeit mit den Musikschulen oder den kirchlichen Chorleitungsausbildungen ergeben könnten.

Voraussetzung aber bleibt, dass es interessierte Nachwuchskräfte gibt, die die Chorleitung erlernen wollen…

 

Zusammenfassung:

Gebt uns Chorleiter! – Aussagen zum Chorleitermangel

Die Situation ist prekär: es gibt zu wenig Chorleiter – nicht nur die Chöre überaltern, sondern auch deren Chorleiter – der Generationenvertrag zwischen den Chorleitern ist mehr tragfähig angesichts des gesellschaftlichen Wandels und der gestiegenen beruflichen Beanspruchung. Chorleiter werden nicht mehr von der Orgelbank kommend verpflichtet, sondern dienen vielfach als Söldner.

Daher ist die Forderung „Gebt uns Chorleiter!“ zu einfach. Die Chöre sollten sich frühzeitig um eine Chorleiterassistenz kümmern und einen Chorleiter aufbauen oder kreative und vielfältige Wege nutzen, einen geeigneten Nachfolger des Dirigenten zu gewinnen. Keine Frage: das kostet nicht nur Mühe, sondern auch Geld!

 

Martin Zurborg, Verbandschorleiter des CVNB